der Leipold`s Nickel

Und hier die Geschichte und Tatsachen über meinen Großvater und den „Leipold´s Nickl“, dem ehemaligen Besitzer des Wirtshauses in Stegenwaldhaus. Ein Lied , dass weit über die Grenzen von Oberfranken bekannt ist.

der leipolsnickl vo stegnwaldhaus

„Was da in der Zeitung steht, stimmt fei net. Nicht der Toni Pöhlmann, sondern mein Opa Edmund Huyke hat das Lied vom Leipoldsnickl geschrieben“, sagt eine Frauenstimme am Telefon. Es ist Heike Petigk aus Hof. Sie hat den Artikel „Und ewig lockt der Karpfenteich“ im November in der Frankenpost gelesen und ist damit nicht ganz einverstanden- „Ich kann es Ihnen beweisen – kommen Sie doch mal bei mir vorbei“, schlägt sie vor. Und so beginnt sie erneut – die langwierige Spurensuche nach den wahren Vätern dieses bekannten Liedes, und der Leipoldsnickl von Stengwaldhaus wird wieder lebendig.

STEGENWALDHAUS. – In der Wohnung von Heike Petigk angekommen, legt die junge Frau ihr „Beweismaterial“ auf den Küchentisch. Es ist ein Zeitungsartikel aus den 70er Jahren. „Hier steht es schwarz auf weiß, mein Opa – Edmund Huyke – hat das Lied gedichtet“, sagt sie und zeigt auf die entsprechende Text-Passage. Der größte Trumpf der Enkelin sitzt jedoch neben ihr am Küchentisch – ihre Mutter Gertrud Beckert. Als die 64-jährige Frau von ihren Erinnerungen an den Vater und an den Nikol Leupold erzählt, schwinden die letzten Zweifel.

Das Dichten
Mit ihren Worten entführt sie einen in das Stegenwaldhaus der 30er Jahre – ihren Heimatort: Edmund Huyke lebt hier mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Er arbeitet im alten Mamorwerk und beaufsichtigt die Mamorsäge. Seine große Leidenschaft ist jedoch das Dichten. Und genau das kommt ihm im Herbst 1937 -ganz unerwartet – zugute. Denn eines abends, als Edmund Huyke Spätschicht im Mamorwerk hat, beobachtet er zufällig das folgenschwere Missgeschick seines Nachbarn Nikol Leupold. Nur zur Erinnerung: Um die Karpfen bequem aus dem Stegenwaldhauser Dorfteich holen zu können, wollte der Nickl die Dock’n herausziehen, rutschte aber aus und fiel in den Teich. Seine Frau Trina wollte ihren verschmutzten Gatten so natürlich nicht ins Haus lassen und stellte ihn unter die Pumpe.

Hymne der Hofer
Die Geschichte begeistert Edmund Huyke so sehr, dass er sich gleich an den Schreibtisch setzt und das Lied niederschreibt. Doch er hätte sich nie träumen lassen, dass dieser Text einmal so berühmt wird. Der Hobby-Dichter gibt seine Verse dem damals sehr bekannten Musikanten Toni Pöhlmann aus Naila zum Vertonen. So war sie geboren – die Nationalhymne des Hofer Landes. Seine Uraufführung erlebt das Stück wenige Wochen nach dem Missgeschick bei der Kärwa in Stegenwaldhaus, am zweiten Sonntag im November. Und das Wirtshaus-Publikum tobt gleich vor Begeisterung.
„Nur dem Nickel selber hat das Lied nicht gefallen“, erzählt Gertrud Beckert. „Bis zu dieser Zeit war er gut mit meinem Vater befreundet, aber das hat er ihm übel genommen.“ Von der ganzen Geschichte mit dem Missgeschick und dem Lied hat die Tochter, die damals ja ein Kind war, nichts mitbekommen. Aber sie erinnert sich noch gut an ihren Nachbarn, den Nikol Leupold: „Er hatte eine gebückte Haltung, deshalb haben wir immer gesagt, er läuft wie ein Fünferlessucher“. Ich weiß noch, dass man zur Schwammazeit immer schnell sein musste, denn sonst hatte er alle Pilze schon weggezupft. Aber im Dorf war er sehr beliebt.“

In Teich gefallen
Auch an den besagten Karpfenteich kann sich die in Stegenwaldhaus geborene Frau, die 1982 nach Hof gezogen ist, noch genau erinnern. „Da bin ich doch auch öfters hineingefallen, wenn wir im Winter Schlittschuh gefahren sind.“ Doch zurück zu dem bekannten Lied vom „Leipoldsnickl“. Edmund Huyke, der 1953 gestorben ist, hat ja noch miterlebt, wie sein Text zum Schlager wurde und sogar Soldaten aus Hof diese Verse im Krieg gesungen haben, um sich an ihre Heimat zu erinnern. „Auf diesen Erfolg war mein Vater schon stolz, aber er war ein ruhiger Mensch und deshalb nie auf einen Profit bedacht“, sagt seine Tochter. Auch sie freut sich darüber, dass das Gedicht ihres Vaters für so viel Furore gesorgt hat und sogar heute noch von etlichen Gruppen gesungen wird. In ihrer früheren Arbeitsstelle, dem Wasserwirtschaftsamt, wurde sie schon häufig auf ihren begabten Vater angesprochen. „Sing‘ doch mal den Leipoldsnickl“, hieß es da immer. Und auf dem Volksfest hört Gertrud Beckert den Text auch regelmäßig, „Da freue ich mich dann und denke mir, mein Ahnenblut kommt wieder durch“. Aber was wäre der schönste Text ohne eine passende Melodie. Toni Pöhlmann aus Naila hat nicht minder zum Erfolg des Liedes beigetragen. Er ist der zweite Vater des Gassenhauers. Von ihm stammt die Melodie, und als Musikant hat er den „Leipoldsnickl“ in die Welt hinaus getragen. Stadtarchivar Willi Schmeißer weiß einiges über den Pöhlmanns Toni – auch Frankenwald Toni genannt – zu berichten. Er ist 1896 in Bayreuth geboren, hat 1920 eine gewisse Anna Thiem geheiratet und kam nach Naila. Dort war er einer der drei „Eismänner“ – also Eisverkäufer. „Obwohl wahrscheinlich hauptsächlich seine Frau das Eis verkaufen musste“, ergänzt Willi Schmeißer lächelnd.

Im Zitherverein
Toni Pöhlmann war eher als Musikant unterwegs, zog als Alleinunterhalter von Wirtshaussaal zu Wirtshaussaal. Er spielte hauptsächlich Zither und war bis Ende der 20-er Jahre Mitglied beim Arbeiterzitherverein, der im Dritten Reich verboten wurde. Vor seinem Tod im Jahr 1943 war der Pöhlmanns Toni Gastwirt in der jetzigen Turnhalle in Naila. Er hatte zwei Söhne – einer ist im Krieg gefallen, der andere aus Naila weggezogen. Toni Pöhlmanns Grab im Urnen-Friedhof ist mittlerweile aufgelöst. Aber das Original – wie ihn Willi Schmeißer nennt – ist bei den Nailaern nicht vergessen. Denn seine Lieder klingen einigen noch im Ohr. Der Stadtarchivar hat einen ganzen Packen voll alter Lieder, mit denen der Musikant damals sein Publikum begeistert hat. Vielleicht erinnert sich manch einer noch an Titel wie „Der Toni und sei Zieg“, „In unsern Frankenwald“ oder „Der Lausigl“.
In der Sammlung von Willi Schmeißer findet sich auch der Originaltext vom „Leipoldsnickl vo Stengwaldhaus“. Zwar heißt es da noch Text und Musik Toni Pöhlmann – doch nach dem Gespräch mit Gertrud Beckert und ihrer Tochter Heike Petigk weiß man ja, dass das so nicht stimmt und eigentlich Edmund Huyke als Texter genannt sein müsste. Verwirrend ist auch, dass das Couplet auf das Jahr 1931 datiert ist, obwohl Gertrud Beckert und Christine Franz – die Enkelin von Nikol Leupold bestätigen, dass sich das Missgeschick erst 1936 oder 37 ereignet hat. Aber das sei mal dahingestellt.

Witzige Verse
Auf alle Fälle ist der Originaltext wesentlich witziger als die Verse, die man heute singt. Eine Passage beschreibt, wie der Nickl die Brille im Schlamm verloren hat und die Karpfen dank seiner Sehhilfe auf einmal doppelt sehen können. Damit erklärt sich auch, warum die Trina – die Frau vom Leipoldsnickl – zur Kärwazeit immer essbare Brillen aus Gummibärenmasse auf die Karpfen gelegt hat. „Das war ihre Revanche für das Lied“, erinnert sich die Enkelin Christine Franz noch heute. So fügt sich alles wie ein Puzzle zusammen. Der Leipoldsnickl und sein Missgeschick, der Edmund Huyke und sein Gedicht, der Pöhlmanns Toni und seine Melodie – das Lied hat sie unsterblich gemacht. Alle Drei werden uns wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

  1. Der Leipoldsnickl von Steg’nwaldhaus ei, ei, ei, ei, ei, wollt halten einen Karpfenschmaus ei, ei, . . . Er is auf seina Cäst bedacht und gibt an jeden recht, so a Karpfenschmaus, hot der sich g’sog’t, des war mal gor nit schlecht.
    Refrain:
    jawoll des gibts, des hot’s scho gem, des wor scho da, jawoll des gibts, do komer was derlem.
  2. Der Nickl, der rennt zum Karpfenteich ei…, er sogt eich Brüder hob ich gleich ei…. Er reisst die Dogg’n raus vom Grund, war alles Schlamm und Dreck, do rutscht der aus, der guta Kund, und es Nickala wor wek.
  3. Der Nickl, der kimmt vom Wasser raus ei… er sieht aus wie a gebade Maus ei… Die Brill’n wor weg, es G’sicht voll Dreck su a Viecherei, wenn der zu seina Alt’n kimmt, die lässt’n gor nit nei.
  4. Der Nickl tottet langsam hamm ei… Sei olta wills ner gor nit glaum ei… No bist des denn, wos host denn g’macht, su kimmst mir nit ins Haus, do stellst dich unern Brunna no und ich lass Wasser raus.
  5. Der Nickl, der wollt sei Brill’n gor such’n ei…, auf a mol do fängt der o zu fluchn ei… do schaut er nei, a Karpf klotzt raus und guckt in Nickl o, do hot der Karpf an Schnalzer g’macht mit seiner Brill’n dovo.
  6. Ja in den Teich, a su a Lem ei…, do kenna die Karpf jetzt doppelt seng ei… Wart blus erseht lass’t gar Summer wär’n, die kenna sich net rühr’n, do geht jed’s um den Teich zu seg’n noch Steg’nwaldhaus spazier’n.
  7. Seit dera Zeit Herr Jesu Christ ei… von diesem Teich die Sage ist ei… zur Geisterstund um Mitternacht do ko mes fei derlem, do ko mer in Nickla sein heiligen Geist im Teich rim schimma segn.

Originaltext aus der Sammlung von Willi Schmeißer, Naila

Hier der Download


Mein Großvater Edmund Huyke (ca. 1944)